«La Petite Chapelle des Souffleurs»: So nennt sich das fünfköpfige Bläser-Ensemble mit ausgewiesenen Einzelkönnerinnen und -könnern, die entweder an Musikschulen unterrichten oder Solist(inne)en im Berner Kammerorchester oder Symphonieorchester sind. Damit ist auch gesagt: Ihnen werden keine Töne zugeflüstert, wie das Soufflieren assoziieren könnte. Nein, sie produzieren sie nach mittelalterlicher und barocker Tradition natürlich selber – und wie! In der Schlosskirche blieben am dritten Spiezer Schlosskonzert praktisch keine Wünsche offen. Das Muttertags-Programm war apart mit feiner Auswahl zusammengestellt. Und an der Umsetzung gab es nichts zu mäkeln.
In Wolfgang Amadeus Mozarts Adagio b-Moll (KV 540) zum Auftakt schimmerte etwas Schauderlich-Sperriges durch. Das Ensemble – hier zu viert – musste sich grad kurz finden, doch dann war der Schwung da und die Entdeckungsreise konnte beginnen. György Ligetis (1923-2006) «Sechs Bagatellen» klangen vor dem politischen Hintergrund aus dem Ungarn der 50-er Jahre schräg, aufmüpfig und bisweilen herrlich grotesk. Nicht zuletzt galt die volle Aufmerksamkeit dem einst verbotenen Capriccioso (damals als politisch gefährlich eingestuft und als nicht aufführbar deklariert!). Köstlich gelang das Quartett BDur von Gioacchino Rossini, das dieser schon mal mit 12 Jahren angefangen hatte (!) – eine vor Selbstherrlichkeit, Charme, Witz und Opernseligkeit sprühende Komposition!
Die «Trois pièces brèves» («Drei kurzen Stücke») von Jacques Ibert (1890-1962) brachten ironisch auf den Punkt, warum das Berner Quintett die Quint-Essenzen auf sich münzt: Nomen est omen als Suche nach dem Wesentlichen. In dieser geistreichen komprimierten und karikierenden Form von Ibert war es ein besonderer Genuss, den fünf Bernerinnen und Bernern im ebenso fröhlichen, klangsinnlichen wie dramatischen Musizieren zuzuhören. Es waren dies Christie Stoll als gewiefte Kommentatorin und subtile (Quer)-Flötistin; Martin Stöckli als virtuoser Oboist; Christoph Ogg als verzierungs-freudiger Klarinettist; HeidrunWirth als schattierungsreich aufspielende Fagottistin und Christian Holenstein als wirkungsvoll die hell-grell bis dunkel-bedrohlichen Akzente setzender Hornist. Letzterer wurde gleichzeitig (zu seiner eigenen Überraschung) als Geburtstagskind gefeiert.
Mit ihrer hohen Musikalität und Kreativität beglückte die «Petite Chapelle des Souffleurs» auch in den jazzig anmutenden «Five Dances» von Denes Agay (1912-2007), in Ferenc Farkas’ (1905-2000) äusserst eingängigen Märschen, Menuetten und sonstigen Tänzen der «Lavottiana » sowie in der Zugabe von Schubert (Ballett Rosamunde).
Schade nur, hörte nicht mehr Publikum diesen Perlen zu. Die Schlosskirche war am Familienkonzert halbleer. Anwesende Familien gab es am Muttertag wirklich nicht viele. Ruedi Bernet, der Leiter der Schlosskonzerte, wird die Konsequenzen ziehen: «Statt von Familien- werde ich künftig von kommentierten Konzerten sprechen, zu denen Junge nach wie vor Gratis-Eintritt haben werden.» Auf dass wieder mehr Einheimische den Weg zu solch ebenso lehrreichen wie vergnüglichen Konzerten finden!
Text: Berneroberländer vom 10. Mai 2011, Svend Peternell