Beim Liederabend der Schlosskonzerte Spiez am Samstag nahm die junge Berner Sopranistin Marysol Schalit das Publikum von der ersten Minute ihres Auftritts an für sich ein. Sie überzeugte in der annähernd ausverkauften Schlosskirche nicht nur durch ihre tragfähige und biegsame Stimme, sondern auch durch bestechenden Charme und natürliche Gestik.
Präzis und durchsichtig begleitet wurde sie vom italienischen Pianisten Riccardo Bovino, welcher in Turin und Basel Klavier und in Salzburg Dirigieren studierte und an der Hochschule der Künste in Bern als Dozent arbeitet.
Schalit und Bovino eröffneten den Abend mit je drei Liedern von Mozart und von Schubert vorwiegend über Liebe, Schmerz und Schwärmereien. Die Sopranistin unterstrich die Stimmungen und die in den Liedern geäusserten Gefühle durch ihre Mimik und Körpersprache, ohne dass es aufgesetzt wirkte. Vor allem in Schuberts «Gretchen am Spinnrade» berührte die Sehnsucht in Schalits Stimme und auch ihre Interpretation des «Erlkönigs», ebenfalls von Schubert, bewegte. Die extreme Dramatik und die damit verbundene grosse Lautstärke, welche Schalit in diesen beiden Stücken an den Tag legte, erinnerten stark an die Oper, wo sie als festes Ensemblemitglied des Theaters Bremen momentan vorwiegend tätig ist. Für Lieder der Frühromantik waren sie vielleicht ein klein wenig übertrieben. Bovino begleitete weitgehend zurückhaltend, aber mit energischen und kraftvollen Ausbrüchen an den richtigen Stellen. Auf die deutschen Lieder, bei denen man dank Schalits deutlicher Aussprache jedes Wort verstand, folgten einige von Chopin auf Polnisch und Französisch. Im Publikum konnte man sich jetzt voll und ganz auf ihre spezielle Sopranstimme konzentrieren. Obwohl diese gerade in der Höhe über grosse Leuchtkraft verfügt, ist sie dunkel angehaucht, was ihr eine wohlige Wärme und etwas Feines und Liebliches verleiht. Der zweite Teil begann träumerisch, mit Debussys «Clair de lune» und je einem Lied von Duparc und Fauré.
Den krönenden Abschluss bildeten Lieder der beiden Spanier Turina und Obradors, bei denen das Duo völlig aus sich heraus kam. Schalit sprühte vor Energie und demonstrierte zum Beispiel mit makellosen und glatten Arpeggien eindrücklich, dass ihr ihre Stimme voll und ganz gehorcht. Auf den begeisterten Applaus antworteten Schalit und Bovino mit dem melancholischen und sehnsüchtigen Tango «Youkali» von Kurt Weill.
Text: Berneroberländer vom 16. Mai 2011, Miriam Schild