Mit allen Wassern gewaschen

Wehe, wenn Martine, Marie und die beiden Milenas aus dem Balkan in Fahrt kom­men. Am zweiten Schlosskon­zert hinterliessen sie an der Seite des phänomenalen Per­kussionisten Davide Bruley stimmlich und darstellerisch markante Spuren.

Balkanes

Milena Jeliazkova mit ihrem glockenklar-leuchtenden Sopran und den rötlichen Haaren ist die Jüngste im Klub dieses Vokal­quartetts – und die Ungezügelts­te. Ihr am nächsten bezüglich verführerischer Manöver und at­traktiver Ausstrahlung kommt, nun ja, die zweite Milena, mit Nachnamen Roudeva. Ihr herr­lich dunkel strömender Kontra-Alt ist dann aber klar das, was die Schwarzhaarige von der erstge­nannten Milena unterscheidet.

Keine grauen Mäuse

Wer nun aber glaubt, die eher hel­le, zierliche Martine Sarazin-Lèbre und die schmächtig-gross­gewachsene Marie Scaglia seien die grauen Mäuse im Klub, der (oder die) irrt. In beiden ist viel Pfiff und Pfeffer drin. Martine strahlt ungebändigte Empathie aus – gestützt durch ihren hell-beweglichen Sopran. Marie be­sitzt einen agilen Mezzosopran und hat den Sinn dafür, rechtzei­tig aus der Zurückhaltung hin­über in verschmitzt-tänzerische Leichtigkeit zu wechseln. Über­haupt, je länger dieser zweite Schloss­konzerte-Abend dauert – mittlerweile hat sich der nicht weniger versiert-virtuose Per­kussionist Davide Bruley hinzu­gesellt –, desto klarer kristalli­siert sich heraus: Diese vier bul­garischen Frauen sind wirklich mit allen gesanglichen und mimi­schen Wassern gewaschen. Zu­sammen bilden sie das Balkane-Vokalquartett, das unerhört be­wegend, klangdynamisch und verzierungsreich singt, den Kir­chenraum zum Vibrieren bringt.
In der von rund 100 Personen besuchten Schlosskirche wird der Bogen weit gespannt: von mystisch-orthodoxen Gesängen über Weisheiten alten Erzählguts hin zu Volksliedern zwischen Le­benskraft, Klagecharakter und Aufbruch. Im zweiten Teil des Konzerts gesellen sich sephardi­sche Gesänge hinzu. Sie handeln von den 1492 aus Spanien vertrie­benen und in den Balkan geflüch­teten Juden und entfalten unter den Perkussionsrhythmen eine eindringliche Intensität und strotzende Sinnlichkeit.
Im polyphonen Klangzauber der vier Frauen vermengt sich ein faszinierender Mix zwischen un­gestüm balkanischem Tempera­ment, zigeunerartiger Ungebun­denheit und orientalischer Ver­führungskunst. Gelebt, getanzt und gespielt bis in die feinste Körperregung. Das Alte, gespie­gelt im Hier und Jetzt. Gewürzt mit einer herrlichen Dosis Schalk und Selbstironie. Wehe, wenn sie losgelassen...

Text: Berner Oberländer vom 11.5.2015, Svend Peternell

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