West- und Deutschschweiz im Oktett vereint

Über die Sprachgrenze hinweg musi­zieren und sich verstehen – egal, ob Züritüütsch oder Français. Das wurde am 8. Schlosskonzert Spiez eindrücklich vor Augen geführt. Wie zwei Quartette aus Zürich und Genf ihren Stil zelebrieren und sich dann im Oktett von Mendelssohn finden – das hat am Streichquartettfest überzeugt.

Oktett 2015

Die Idee von Ruedi Bernet hat etwas Bestechendes an sich: Erstens ein Deutsch- und ein Westschweizer Quartett mit seinen jeweiligen Programm­schwer­punkten auf­treten lassen. Zweitens die bei­den Ensembles für den krönen­den Abschluss zum Oktett für Streicher Es-Dur op. 20 von Felix Mendelssohn bitten. Spielen über die Sprachgrenze hinweg. Und den Rösti­graben elegant überspringen. Der künstlerische Leiter der Schloss­kon­zerte Spiez und der Präsident des gleich­namigen Vereins hat für dieses erfolgversprechende Projekt das Amar-Quartett aus Zürich und das Quatuor Terpsycordes aus Genf in die Schlosskirche gebe­ten. Und mit ihnen fürs achte Konzert des kleinen, aber feinen Frühlingsfestivals ein tolles Streich­quartett­fest auf die Beine gestellt.

Auch diesmal fehlt keine meteo­rologische Pointe.

Nach dem Win­ter­einbruch am Opernfest vor zehn Tagen gilt es am späten Pfingst­mon­tag­nach­mit­tag nass­kalte Tücken in den Griff zu be­kommen. Die Genfer Bratschis­tin Caroline Cohen-Adad ist schlichtweg zu sommerlich ge­kleidet. Sie stürzt sich in der Pau­se schlotternd vor den rettenden Heizkörper. Und gibt dort – na­türlich auf Französisch – Aus­kunft über das Spiezer Projekt, das sich schon anderweitig be­währt hat: «Wir kennen uns schon seit fünfzehn Jahren oder gar noch länger.» «Wir», das sind die Mitglieder der beiden Ensem­bles, die sich schon verschiedent­lich im erweiterten Zusammen­spiel geübt haben. Letztmals vor zwei Jahren in St. Gallen, als sie der veranstaltende Verein in die dortige Tonhalle eingeladen hat.

«Ich stand mit Ruedi Bernet in Kontakt, als es um die Organisa­tion dieses Konzerts ging.»

Das sagt die in Thun wohnhafte Anna Brunner, Violinistin des Amar-Quartetts, in schönstem Züri­tüütsch. «Für das Oktett von Mendelssohn haben wir heute mit dem Genfer Quartett vier bis fünf Stunden in der Musikschule in Thun geprobt.» Das Stück des 16-jährigen Komponisten spiel­ten sie zwar nicht zum ersten Mal gemeinsam, aber es müsse daran gefeilt werden, hält die 43-Jähri­ge fest. Und so kommt es, was ein­gespielte Profiensembles mit se­riöser Vorbereitung entspre­chend überzeugend rüberbrin­gen: Das mit Spannung erwartete Finale wird zum kammermusika­lischen Festschmaus. Anna Brun­ner in der Rolle der ersten Geige­rin hält souverän die Fäden in der Hand, ohne den anderen den Schnauf zu nehmen. Im Gegen­teil: Es ist ein offenes, aufmerksa­mes Musizieren mit stetem Blick­kontakt, ein glanzvolles Variieren des sich wiederholenden Grund­motivs, ein intensives, pulsieren­des Spiel mit ein­ge­bauten, gut durch­ge­atmeten Ruhe­läufen, die dem Werk bei aller Leichtigkeit schattierte Klangfarben und Tief­gang verleihen.

Der Höhepunkt hat sich mehr­fach angedeutet.

Dunkel grun­dierte Töne prägen den ersten Teil des Konzerts. Das Amar-Quartett zeigt eine wache Auslegeordnung von Beethovens Streich­quartett F-Dur op. 18 Nr. 1, gibt ihm eine melancholische Schwere. Auffal­lend: die starke Zugkraft von Gei­ger Igor Keller, die prägende To­nalität von Bratschist Hannes Bärtschi, das aktive Mitformen von Cellist Christopher Jepson. Einprägsam und aufrüttelnd auch das von Erschütterung und To­desahnung durchwühlte Streich­quartett f-Moll op. 80 des 38-jäh­rigen Mendelssohn. Das Quatuor Terpsycordes spielt es schonungs­los mit drängender Intensität und pulsierender Wucht. Die Wel­schen zeigen mit Ausnahme des stoisch, aber nicht unbeteiligt wir­kenden Cellisten François Grin ein sehr körperbetontes Spiel. Fu­rios der erste Geiger Girolama Bottiglieri, katzengewandt die Violinistin Raya Raytcheva, präzis mitgestaltend die Bratschistin Caroline Cohen-Adad.

Auch nach dem dreiviertelstün­digen Apéro zwecks Stärkung für den zweiten Teil bleiben kei­ne Wünsche offen: Sowohl der Quartettsatz c-Moll D 703 von Schubert mit allen romanti­schen Attributen und Finessen (von den Genfern) wie Erwin Schulhoffs «Fünf Stücke für Streichquartett» (von den Zür­chern) mit schrägen Walzern, galoppierender Ta­ran­tella und tschechischen Tänzen zeigen zwei hochsensible und -musika­lische Ensembles am Werk. Le­bensenergien und Schattenwür­fe wechseln sich ab.

Und so haben Romands und Deutsch­schweizer nicht auf Englisch miteinander kommuni­ziert, sondern der Kraft des musi­kalischen Austausches vertraut. Zur Freude von etwas mehr als hundert Besucherinnen und Be­suchern, von denen sich am Schluss etliche von ihren Plät­zen erheben. Und natürlich zur Freude von Ruedi Bernet und seiner bestechenden Idee.

Text: Berner Oberländer vom 27.5.2015, Svend Peternell

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