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Der Chor brahmste, die Flöte solierte

Ein 22-Personen-Chor aus Württemberg gegen ein Flötensolo von Antje Langkafel. Unerfüllte Liebeslieder von Brahms gegen windgehauchte Innenwelten der Moderne. Das 7. Schlosskonzert suchte in den Gegensätzen aber auch das Verbindende.

Württembergischer Kammerchor

«Hör, es klagt die Flöte wieder»: So beginnt das berühmte Gedicht des grossen Romantikers Clemens Brentano. Und so nannte sich auch der frühe Pfingstmontagabend am 7. Spiezer Schlosskonzert. Ein ganz treffendes Leitmotiv. Denn einerseits nahmen die verschiedenen Flötensoli vonAntje Langkafel tatsächlich etwas Klagendes im Sinne einer starken Kontrastfarbe ein: Die 48-jährige Stuttgarterin spielte zeitgenössische Werke des Japaners Kazuo Fukushima (83), des Koreaners Shin Woong Kim (35) und von ihr selber.

Sie leuchtete mit spe­ziellen Hauch-, Blas- und Klopf­techniken seelische Interieurs aus und ver­band Antje Langkafel bei Fukushima moderne Tonsprache mit kultischer Tradition. Mit Mikrointervallen signa­li­sierte Langkafel Wind­stös­se und -risse – the­men­adäquat zu Kims «Windskizze». Und viel­leicht reflektierte sie auch die moderne Welt von heute mit ihren Luft- und Sinnlöchern und dem Versuch, diese mit Sauerstoff und Leben zu füllen.

An der Liebe wundgelitten

Andererseits assoziiert das Gedicht «Hör, es klagt die Flöte wieder» die ganze Bandbreite romantisch-märchenhaften und verklärten Schwärmens –mit der Liebe im Mittelpunkt. Johannes Brahms (1803 – 1897) hat sich an ihr wundgelitten. Clara Schumann, die Frau von Robert und 14 Jahre älter, hat er angehimmelt und glühend geliebt – zumindest in Gedanken. Richtig herangekommen an die Clara ist er nicht. Es blieb eine unerfüllte Liebe seiner Fantasie – mit allen schmerzlichen Bitternissen. Damit bestückt er auch seine weltlichen A-cappella-Chorlieder. Statt in der Glut landet er in der Asche der Entsagung. Die Süsse wird bitter.Das Begehrend-Hoffnungsvolle verwandelt sich in Enttäuschung, Resignation und Depression. Die Liebe bleibt Erinnerung und ein Sehnsuchtsgebilde, manchmal ausgestattet mit Spukelementen oder Geistermotiven – wie die Windbräute in «Es geht ein Wehen» oder den Walpurgisnachthexen im «Bucklichten Fiedler», der als Zugabe nochmals gesungen wurde.
Und wo es in die Tiefe geht – wie bei «Vineta», der untergehenden Stadt, die Brahms in ein renaissanceähnliches Madrigal gegossen hat, oder in «Darthulas Grabgesang» – bleibt für die klangfarblich bewegende Gestaltung von Brahms nur gebanntes Staunen übrig. Wie auch für das Chorlied «Das Mädchen» mit dem glockenklaren Sopransolo von Eva Kleinheins.

Mit Feuer und Enthusiasmus

Es war wunderschön, dem 22- köpfigen Kammerchor aus Württemberg in der bis auf den letzten Platz gefüllten Schlosskirche zuzuhören. Dieter Kurz leitete den erfreulich jung besetzten Chor (Durchschnittsalter von rund 26 Jahren!) mit Enthusiasmus und Feuer, mit prägnanter Gestik und stets anhaltender Spannkraft. Die Mitglieder des vierstimmigen Chors folgten ihm – wenn auch nicht immer ganz wortverständlich – mit Wachheit und Präzision. Sie verrieten in allen Registern hohe Gesangskultur – und Beweglichkeit: Was je nach Stimmung bei Brahms eher gedehnt-getragen gesungen wurde, konnte alsbald wieder einer vital bewegten Gesangslinie Platz machen.
Die fünf Gesänge op.104 (1. und 2.Teil) berührten am Schluss auf ihre Weise: Brahms hatte sie 1886 bis 1888 während seiner Jahre in Thun komponiert. «Ich bin gespannt, ob man das hört», hatte Ruedi Bernet, Programmverantwortlicher, zu Beginn eher ironisch bemerkt. Sicher war: Da entstand eine ganz eigene Nähe zwischen Komponist, Aufführungsort, Ausführenden und dem Publikum.

Text: Berner Oberländer vom 22.5.2013, Svend Peternell

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